132017Mai
Wir schauen hin, wo andere wegschauen

Wir schauen hin, wo andere wegschauen

Warum wir das tun? Weil wir ganz konkret und individuell versuchen, Flüchtlingen bei der Arbeitsfindung zu helfen. Was wir dabei sehen, ist zum Teil verwirrend, grotesk und vor allem integrationsfeindlich. Deshalb denke ich, dass es an der Zeit ist, einmal öffentlich auszusprechen, was in unserem Land sozial- und arbeitspolitisch zum Teil haarsträubend schief läuft.

In den letzten Wochen hat sich fairMATCHING richtig ins Zeug gelegt, um unsere Crowdfunding- Kampagne voran zu treiben. Durch die mediale Präsenz konnten wir nicht nur Unterstützer überzeugen. Es haben dadurch auch ein paar Flüchtlinge mehr zu uns gefunden, die aufgrund ihres traurigen Schicksals der Willkür österreichischer Fremdenpolitik ausgeliefert sind. Obwohl sie nur eines wollen: arbeiten!

Wir haben viele Beispiele, die das sehr anschaulich darstellen –  und wir denken, dass wir sie publik machen müssen, damit sich etwas ändert:

Das Leben der meisten Flüchtlinge, die nach Salzburg kommen, beginnt in einem so genannten Camp. (Dass das nicht viel mit Urlaub zu tun hat, muss ich wohl nicht dazu sagen!) Dort werden die Tage abgesessen, bis es zu einem Asylbescheid kommt. Im besten Fall ist dieser positiv – das heißt nämlich, dass die Person uneingeschränkte Arbeitserlaubnis in Österreich bekommt. Es heißt aber auch, dass der positiv Bescheinigte das Camp in spätestens vier Monaten verlassen muss.  Also beginnt die Suche nach einer Wohnung – auf eigene Faust, mit gebrochenem deutsch und ohne Einkommen. Da würde man meinen, es macht Sinn, sich vorher eine Arbeit zu suchen, um ein Einkommen vorweisen zu können und Geld für Kaution, Möbel etc. zu sparen. Doch leider schwindet da die Logik schon mal. Denn abgesehen davon, dass ein Arbeitgeber ungern einen quasi Obdachlosen einstellt, darf sich ein Camp-Bewohner nur 150 Euro von dem, was er verdient behalten – den Rest bekommt das Land. (Das motiviert bei der Arbeitssuche ungemein, oder?)

Gut, sollte der Flüchtling nun doch eine Wohnung finden, wird ein Teil der Miete vom Sozialamt übernommen. Und es gibt noch ca. 600 Euro dazu – da wären wir dann bei der Mindestsicherung. Auf Dauer natürlich finanziell und psychisch keine Lösung – deshalb beginnt spätestens jetzt die Arbeitssuche.

Selbst für einen Flüchtling mit einschlägiger Ausbildung und Berufserfahrung ein harter Kampf – vor allem deshalb, weil Arbeitgeber und Kollegen Angst vor dem Unbekannten haben. Und die, die „nur“ ein angefangenes Studium oä. nachweisen können? Die werden von einem Kurs in den nächsten geschickt. Und merken dann nach ein paar Monaten, dass das die Arbeitssuche nicht wirklich vorantreibt. Dann kommt die Idee, sich weiter zu bilden, eine Lehre oder schulische Ausbildung zu beginnen – weil es ohne ja offenbar unmöglich ist, eine Arbeit, die dem eigenen Potential entspricht, zu finden. Aber hier wird’s leider wieder unlogisch. Denn wer eine Ausbildung beginnt, bekommt keine Mindestsicherung mehr. Zum Leben bleibt also im besten Fall die minimale Lehrlingsentschädigung.

Noch drastischer ist es bei A. 19 Jahre aus Syrien. Er musste seit er 13 ist arbeiten und hat daher keinen Pflichtschulabschluss. Um irgendwie nachhaltig am Arbeitsmarkt Fuß zu fassen, müsste er diesen nachholen – aber dann gibts keine Mindestsicherung mehr. Also keine Unterstützung vom Staat und auch keine Familie vor Ort die ihm  in dieser Situation unter die Arme greifen kann!

Was soll man diesem Menschen sagen? dass seine Zukunft hier abgelaufen ist, bevor er in der Gegenwart ankam?

Bei einem sehr intensiven Gespräch, das ich vor kurzem mit einem neuen Bewerber geführt habe, wurde mir klar, welche traurigen Konsequenzen dieser Irrsinn mit sich bringt. Zu uns gefunden hat ein Migrant aus dem Senegal. Er ist seit 14 Jahren in Salzburg, spricht super Deutsch und ist total sympathisch und lustig. Und trotz Betreuung vom AMS seit 2 Jahren arbeitslos. Um sich nicht völlig nutzlos vorzukommen, arbeitet er ehrenamtlich in einer karitativen Einrichtung. Auf meine Frage, welche Arbeit er richtig gerne machen würde, quasi sein „Traumjob“, sagt er erschreckend traurig: „ Es ist egal was ich gerne machen möchte – als Ausländer bekommt man sowieso nur eine Arbeit als Abwäscher oder so!“

Auch wenn fairMATCHING nicht die Welt verändern kann, wollen wir versuchen, ein bisschen mehr Fairness und Respekt in den Arbeitsmarkt zu bringen. Und gegen die strukturelle Gewalt ankämpfen, die vielen Menschen das bisschen Hoffnung nimmt, das sie zum Leben brauchen!

Bitte helft uns dabei! igg.me/at/fairmatching